03.08.2004

Der letzte Gedanke

 

Ich hatte an dem Tag früher Feierabend gemacht, da ich in Seesen, knapp 20 km von meinem damaligen Arbeitsort entfernt, verschiedene Dinge zu erledigen hatte. Genau zwischen meiner Arbeitsstelle und meinem Zielort fuhr ich, dem Flusslauf der Nette folgend, durch meinen Wohnort, und dann – mit einem wunderbaren Blick über Felder und Wiesen - weiter meinem Ziel entgegen. Recht schnell, da ich ein wenig unter Zeitdruck stand.

Oben: Die Fotos entstanden 2006 und 2007, links die Nette

 

Ich fuhr immer sehr gern auf dieser wenig befahrenen Landstraße, die mehrere Kilometer durch die Nette-Auen (übersichtliche Felder und Wiesen) verläuft. Vor dem Eingang des nächsten Dorfes gibt es dann eine Abfahrt nach links, in die „Kirschallee“, die nach einigen Kurven unter einer Brücke (A7-Autobahnbrücke) hindurch und danach direkt eine recht steile Anhöhe hinaufführt. Einen knappen Kilometer weiter endet die von Wiesen und Feldern gesäumte Allee dann direkt am Ortseingang von Seesen.

 

Viele Jahre war der „Kirschallee-Berg“ (direkt hinter der Autobahnbrücke) für Fahranfänger - auch einst für mich - der Übungsort für das Anfahren mit „schleifender Kupplung“, und ich habe meinen Töchtern öfter mal davon erzählt. Wir haben sehr darüber gelacht, und das könnte der Grund dafür sein, dass die Kirschallee für sie immer eine bevorzugte, sehr beliebte Fahrstrecke blieb. Es kam sogar vor, dass ich wieder umdrehen sollte, wenn ich (da man auch geradeaus nach Seesen fahren kann) mal gedankenverloren daran vorbeigefahren war.

Besonders meine älteste Tochter bat mich sehr oft (wenn ich sie zum Gymnasium brachte oder abholte), durch die Kirschallee zu fahren, und nach ihrem Tod schien es für meine beiden jüngeren Töchter (und mich) immer so zu sein, dass auf dieser Straße unsere „gemeinsamen, fröhlichen Erinnerungen“ erwachten, wenn wir sie – nun meist   schweigend - durchfuhren.

 

Die Strecke von meinem damaligen Wohnort, bis man in die Kirschallee abbiegen kann, ist teilweise kurvig, auf einem großen Teilstück aber weithin übersichtlich. Man kann dort „auf lange Sicht“ sehen, ob sich Gegenverkehr nähert und getrost auch etwas schneller fahren. So auch an diesem Tag. Die Straße war frei und ich genoss das Fahren. Ein einzelnes Auto kam mir auf seiner Fahrspur entgegen, ansonsten war die Straße - weithin sichtbar - frei… Genau bis zu dem Moment, in dem wir beide jeden Moment aneinander vorbeifahren würden… Aus dem Nichts, wirklich „aus dem Nichts“ tauchte urplötzlich ein anderes Auto dahinter auf, setzte zum Überholen an und raste mir auf meiner Fahrspur frontal entgegen… Das ging so schnell, dass kein Moment Zeit mehr zum Handeln blieb: Rechts neben mir Baum an Baum, links das andere Auto…

Für einen winzigen Augenblick sah ich den Fahrer (oder die Fahrerin, ich weiß es nicht mehr) direkt vor mir… „Das war`s“ dachte ich gerade noch (daran kann ich mich sehr genau erinnern) – und schon rasten wir frontal ineinander….

Ich bremste nicht voller Panik, wie man es wohl erwarten würde. Ich spürte nicht einmal etwas, keine Angst, keine Panik – selbst dafür blieb keine Zeit. Ich akzeptierte in diesem Moment meinen Tod, denn nichts Anderes konnte ein Zusammenstoß bei dem Tempo beider Fahrzeuge bedeuten.

"Das war`s", dachte ich ganz ruhig, weiter nichts…

In der Zeit damals befasste ich mich, wie zuvor schon mehrfach (nun nach einer Ausbildung zur Lehrerin für verschiedene Entspannunstechniken, psychotherapeutischer Weiterbilung etc.) besonders intensiv mit Meditation, Out-of-Body-Erfahrungen, luziden Träumen und vorrangig mit Sterbeforschung. Ich las viele Bücher zu vielen artverwandten Themen – auch Bücher der „SterbeforscherIn“ Elisabeth-Kübler-Ross, Bernhard Jacoby, Raymond A. Moody und anderen Autoren, die sich mit der Thematik befassten…

(Sterbeforschung = Thanatologie)

 

Lesen ist schon immer eines meiner liebsten Beschäftigungen. Es ist viel mehr als ein  „Hobby“; es ist ein Bedürfnis, ein innerer Drang nach Wissen – eine ewige Suche nach immer neuen, weiterführenden, erklärenden Antworten…

Ich lese Bücher seit ich lesen kann; seit ich etwa 6 Jahre alt war, denke ich - und zu den ersten, an die ich mich lebhaft erinnern kann, gehört „1001 Nacht“ (das ich mir heimlich aus dem Bücherschrank meiner Mutter geholt hatte).

Schon als Kind schleppte ich stapelweise Bücher aus den Büchereien nach Hause, und oft las ich gleich 3 oder 4 Bücher gleichzeitig, mal hier, mal dort ein paar Seiten – auch, um die Inhalte zu vergleichen und Abweichungen zu entdecken. So ist es bis heute geblieben, und es mögen wohl einige tausend Bücher gewesen sein, die ich bisher gelesen (manchmal auch mehrmals „verschlungen“) habe. Ich liebe es seit frühester Kindheit, mich mit (zu 99 % Sach-) Büchern zu umgeben, und es fällt mir sehr schwer, mich von einem Buch zu trennen. Sie sind wie meine Kinder, sage ich manchmal - ich muss immer wiesen, wo sie sich aufhalten.

 

Im Jahr 2003 sah im Kino einen Dokumentarfilm über das „Warten auf den Tod“, mit Dr. Elisabeth Kübler-Ross, die am 24. August 2004 starb. Sie kennt nun die Antworten, nach denen sie so intensiv gesucht hat. Der Titel des Films war bzw. ist:

„Dem Tod ins Gesicht sehen“.

 

Ich hatte damals bereits mehrere liebe Freunde und Freundinnen durch den Tod verloren, durch Krankheiten und Unfälle, und eine Frage, die mich in der Zeit sehr beschäftigte, war die, was wohl ein Mensch denkt, wenn er den Tod direkt vor Augen hat. 

Ja, auch das ging mir im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf...

"Das war`s", dachte ich ganz ruhig, weiter nichts…

Später habe ich noch oft über diesen Moment nachgedacht und mich im Nachhinein gewundert, wie ruhig und gelassen ich geblieben bin. Gerade so, als ginge es dabei gar nicht um mich…

Ich ließ den Dingen einfach ihren Lauf.

Das ist eine gute Entscheidung, denke ich. Man muss - auf beiden Seiten -  loslassen können!

Oft genug habe ich erlebt, dass sterbende Menschen genau den Moment "nutzen", wenn weinende, jammernde, klagende - den Sterbenden festhaltende Angehörige für kurze Zeit mal den Raum verlassen. "Endlich bin ich frei und werde nicht mehr hier gehalten" mögen sie dann denken - und "machen sich schnell davon".

 

Ich lebe noch und habe das Erlebte hier aufgeschrieben, deshalb mag an dieser Stelle die Vermutung „im Raum stehen“, dass ich mich im Krankenhaus wiedergefunden habe und erfolgreich wieder „zusammengeflickt“ wurde – doch dem ist nicht so.

Es passierte etwas viel, viel Bedeutenderes – nämlich „NICHTS!“

 

Das mir entgegenkommende (rasende) Auto und ich (bzw. mein Auto) durchfuhren uns unbeschadet…

Das in wirklich verständliche Worte zu fassen, ist mir nicht möglich – und ich habe das Erlebte – außer meinen Töchtern und meiner Schwester nie jemandem erzählt.

Es krachte nicht, es passierte nichts – wir fuhren einfach durch uns hindurch, als ob der jeweils andere gar nicht existierte – und von einem auf den anderen Moment befand ich mich direkt an der Abfahrt in die Kirschallee. Ich „fand mich dabei wieder“, wie ich vom Gas ging, blinkte und in die Kirschallee einbog – vollkommen verwirrt und in dem Glauben tot zu sein. Schon mehrmals hatte ich darüber gelesen, dass Menschen, die sehr plötzlich gestorben waren (und nach einer Weile wiederbelebt werden konnten) davon berichteten, nicht gewusst zu haben, dass sie „tot“ seien. So etwas, so dachte ich, muss mit mir gerade passieren:

Es MUSS zu einem Unfall gekommen sein - ich bin tot und denke nur, dass ich immer noch Auto fahre – und urplötzlich in die Kirschallee einbiege. Mein seltsames Körpergefühl bestätigte mich darin: Ich fühlte mich „extrem wattig“, unwirklich, fast schwebend, vollkommen fremd, „anders“ – ganz „anders“ -  aber im Auto sitzend, Gas gebend und meinen Zustand nicht verstehend…

Das Wort „verwirrt“ trifft es nur ganz vage – ich fuhr als „Tote“ durch die Gegend – dachte ich…

Und die Sache war noch nicht zu Ende…

In dem seltsamen Zustand durchfuhr ich die zuerst etwas kurvige Strecke der Kirschallee, fuhr dann unter der Autobahnbrücke hindurch, hinter der die schon erwähnte Anhöhe beginnt…

Dort sah ich den Berg hinauf – und war nun vollkommen davon überzeugt, dass etwas geschah, das sich vollkommen meiner Kontrolle entzog… Oben auf dem Berg, genau in der Mitte der Straße, stand ein riesiges Reh und bewegte sich nicht von der Stelle. Es störte sich nicht daran, dass ich näherkam, es verharrte mitten auf der Straße und starrte mir entgegen. Ich fuhr – nun noch verwirrter - immer langsamer und fragte mich, was ich tun sollte und was wohl geschehen würde… Ich fuhr etwas rechts ran und hielt – und das wirklich sehr große Reh – nur wenige Meter von mir entfernt - dreht sich mir zu.

Es sah mich mit seinen sehr großen und wunderschönen Augen (ja, das nahm ich sehr bewusst wahr) an – wie zuvor der Fahrer oder die Fahrerin des Autos… Die Situation war vollkommen irreal, aber es lag eine ganz besondere Ruhe und Sanftheit in der Luft…

Friede, Liebe…

Angst hatte ich überhaupt nicht.

 

 

Bild:

Ein Foto von dem Reh. das auf der Straße stand, konnte ich nicht machen, da ich weder einen Fotoapparat bei mir hatte noch zum Fotografieren in der Lage gewesen wäre.

 

Das Bild links habe ich eingefügt, um die beeindruckende Schönheit dieser Tiere zu zeigen...

 

Quelle: roe-deer, pixabay

Plötzlich wurde mir bewusst, dass die ganze Zeit kein anderes Auto durch die Kirschallee gefahren war – und ich spürte, dass mein Herz schneller schlug… Ich lebte offenbar doch noch…

Scheinbar kam ich wieder zu mir und fragte mich, wieviel Zeit wohl vergangen war – es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein…   (das stellte sich später als Irrtum heraus!)

Doch das war mir vollkommen egal – ich hatte es gar nicht mehr eilig und spürte tiefe Dankbarkeit dafür, dass mich das wunderschöne Reh „ausgebremst“ und dazu gebracht hatte, stehenzubleiben…

Am liebsten wäre ich ausgestiegen, um ihm näher zu kommen, doch es schien mein Vorhaben zu durchschauen und bewegte sich ganz langsam nach rechts, blieb jeweils nach ein paar Schritten wieder stehen stehen und sah mir direkt in die Augen...

Es schien mir etwas sagen zu wollen:

Und plötzlich spürte ich Worte in mir (ich hörte sie nicht, ich spürte sie – sie waren plötzlich einfach in mir. Ich spürte die Worte: Das geht nicht immer...   (oder etwas in der Art)

 

Später geschah das (das seltsame intuitive Wissen von etwas) noch oft, in ganz anderen Situationen, die mich immer mal wieder an meinem Verstand zweifeln ließen. Auch, weil meine Handlungen - vollkommen "irre" und abwegig zu sein schienen. Aber mir wurde immer bewusster, dass alles eng miteinander verknüpft war und auf etwas hinauslief...

 

Ich blieb noch eine Weile am Straßenrand stehen, darum bemüht, die Situation - und mich - in den Griff zu kriegen… Ganz langsam entfernte sich das wunderschöne Tier, Schritt für Schritt - und drehte sich immer mal wieder zu mir um.

Erst als ich es nicht mehr sehen konnte, fuhr ich weiter…

Sehr aufgewühlt, und um ein Erlebnis reicher, das noch immer große Glücksgefühle in mir auslöst, wenn ich daran denke.

 

Was an diesem Tag passierte, gehört zu den großen Wundern meines Lebens, die mich in meinem Glauben bestärken, dass nichts unmöglich ist – dass Liebe unsterblich und der Tod eine Illusion ist.

 

Wer diese Geschichte liest, mag denken, dass sie vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist, ich "unter Drogen" stand, mir alles eingebildet habe oder etwas in der Art. Doch ich versichere: Ich nehme keinerlei Drogen und war im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte.

Den letzten Tropfen Alkohol habe ich im Jahr 1992 getrunken, kurz danach auch die letzte Zigarette geraucht - und "härtere Drogen" habe ich nie genommen.

Ich stehe zudem auf dem Standpunkt, dass es in jedem Moment des Lebens (auch Sterbens) von großer Bedeutung ist, (möglichst) bei klarem Verstand zu sein. Der Mensch sieht nur das, worauf er seinen Fokus ausrichtet, ganz besonders gilt das auch für außergewöhnliche Situationen und verborgene Zusammenhänge.

 

Natürlich stellte ich all das Erlebte infrage - auch mich selbst.

Wie sollte es möglich ein, dass sich zwei "feste, materielle Autos, in denen zwei Menschen sitzen" schadlos durchfahren - das gibt es doch gar nicht.

Dessen bin ich mir zwar nicht so sicher, halte es aber eher auch für denkbar, dass etwas ganz anderes passiert ist. Ebenso unglaublich, aber - auch von Wissenschaftlern schon oft diskutiert und für möglich gehalten:

Offenbar existieren "Parallelwelten" (mit verschiedenen Energiezuständen), die sich (darauf deutet vieles hin) ab und zu "öffnen", wodurch es möglich wird, dass die eine Seite Einsicht in die jeweils andere hat. Manchmal wird darüber gesprochen, dass auf diese Weise Ufosichtungen erklärt werden könnten...

Und ich halte es für denkbar, dass sich "auf diese Weise" - auf zwei verschiedenen Energie-Ebenen - zwei Autos entgegenrasen können, sich kurz sehen - und schadlos durchfahren... Vermutlich mit großer Verwunderung auf beiden Seiten.

Etwas in der Art muss geschehen sein...

Und was die "gedankliche Informationsübermittlung" (und das ganze Verhalten und Erscheinen) des Rehes betrifft - auch dafür habe ich heute eine für mich nun sehr logische Erklärung - doch es sollte noch Jahre dauern, bis ich sie fand...

Ich komme an anderer Stelle darauf zurück.

 

 

Es blieb nicht bei dieser Erfahrung – es folgten noch viele weitere, unglaubliche Dinge…