2006

Der Besuch der Salamander

 

(Ich spreche hier von Salamandern, aber es werden wohl eher Molche gewesen sein.

Einen Unterschied an „der Sache“, um die es mir geht, macht das aber nicht.)

 

Was fühlen, denken, hoffen Salamander (oder Molche)? Und was mag sie dazu veranlassen, einfach irgendwo rumzulaufen, wo man sie eher nicht erwarten würde? In dem Fall, von dem ich hier spreche, direkt vor meiner Haustür, scheinbar bei dem Versuch, die erste Stufe zu erklimmen, um ins Haus zu gelangen…

Wer fragt sich schon sowas – mögen Sie sich gerade fragen, und tatsächlich handelt es sich sicher nicht um alltägliche Gedanken. Auch für mich nicht, aber das änderte sich im September 2006, als ich innerhalb von zwei Tagen zwei verschiedene Salamander, jeweils genau in der genannten Situation vor der Haustür vorfand… Ich öffnete die Tür und sah sie – gerade so, als ob sie gerade nach mir gerufen hätten…

Selbst heute noch treibt es mir Tränen in die Augen, wenn ich daran zurückdenke, und es hier zusammenzufassen, fällt mir schwer…

Erst mit Verzögerung erkannte ich, dass und wie alles miteinander verknüpft war und ist. Um die Zusammenhänge zu verstehen, bedurfte es weiterer Informationen, die ich erst später (Wochen oder Monate, das weiß ich nicht mehr) „zufällig“ bekam. Lange nach dem „Besuch der Salamander“. Nur den zweiten fotografierte ich, beim ersten – zwei Tage zuvor, dachte ich noch, es handele sich um ein zwar merkwürdiges, aber nicht sehr bedeutendes Ereignis. Vielleicht kam genau deshalb noch ein zweiter - um machtvoll an meinem Bewusstsein zu rütteln…

Ein kurzer Blick zurück, in die frühen 80er Jahre…

Mit großer Freude war ich mit meinen Kindern in das Haus „um die nächste Ecke“ gezogen, u.a. ganz begeistert von dem großen Garten und den Möglichkeiten, die er uns bot. Dazu gehörte der Wunsch nach einem Teich, in und um den ich all meine Steine platzieren wollte, die sich im Laufe von Jahren reichlich angesammelt hatten. Schon immer liebe ich Steine, auch große, die ich kaum (manche gar nicht) allein anheben kann und/oder konnte. Von überall her – auch aus Bächen und Flüssen - hatte ich schon welche (manche mit fremder Hilfe in den Kofferraum verfrachtet) viele Kilometer „mitgeschleppt“, und Freunde bat ich stets, mir von ihren Reisen als Andenken einen Stein mitzubringen.

Gesagt, getan – mit der Hilfe meines Vaters und ein paar lieber Freunde wurde der Plan schnell umgesetzt und wir legten den ersten – zuerst noch recht kleinen – Teich an, und meine Steine fanden alle einen schönen Platz. Ich kaufte verschiedene Teichpflanzen, bekam immer mal wieder einige geschenkt – und der Teich „belebte“ sich. In einem wenige Kilometer entfernten Waldstück hatten wir bei einem Spaziergang in Pfützen Salamander (oder Molche) gesehen, und eines Tages zog ich mit meinen Kindern los, um ein paar für den Teich einzufangen. Heute tut mir das sehr leid, und ich würde es auf keinen Fall noch einmal machen, aber so (weit) dachte ich damals nicht. Ein altes, orangefarbenes Küchensieb aus Plastik diente uns als Kescher (Fangwerkzeug), und tatsächlich stellte es sich als ganz einfach heraus, damit einige aus einem flachen Wald-Gewässer einzufangen. Es mögen fünf oder sechs gewesen sein, die wir dann in einem Eimer mit Wasser (gefüllt aus dem Waldteich) in unseren Garten transportierten und dort vorsichtig im Teich wieder freiließen.

Sie schienen sich dort sofort sehr wohl zu fühlen und vermehrten sich in den nächsten Jahren. Da das Teichwasser meist sehr klar war, konnten wir sie oft gut beobachten und uns daran erfreuen. Auch Frösche gesellten sich immer mal wieder dazu, und viele andere Krabbel- und Flugtiere, wie z.B. wunderschöne Libellen, die zuvor als Larven – an Lampenputzern empor - aus dem Teich geklettert waren. Dort hingen dann die vertrockneten Hüllen, aus denen sie in unsere Welt – nun als Libellen - entschlüpft waren.  

 

Oben: Fotos/Zeichnung © Annette Andersen

 

Jahre später vergrößerten wir den Teich noch einmal, er wurde mehr als doppelt so groß wie zuvor, doch wir achteten sehr darauf, dass die Tiere nicht zu Schaden kamen. Ihr Leben ging, nun in einem sehr erweiterten Lebensbereich, weiter.

Das Leben der Menschen aber, ganz in der Nähe des Teiches, veränderte sich sehr, und rückblickend betrachtet überschlugen sich die Ereignisse förmlich. Die schützende Mauer um das ruhige, beschauliche und schöne Leben – im Einklang mit der Natur -  bekam gewaltige Risse. Gerade so, als hätte eine zerstörerische Macht begonnen, mit böser Absicht darauf einzuschlagen…

Viele Dinge passierten, und alles endete damit, dass ich - nach fast genau 20 Jahren in dem Haus - mit meiner jüngsten Tochter in das kleine Reihenmittelhaus meines Vaters zog und alles zurückließ. Das Haus, den Garten, meine Steine, den Teich mit den Salamandern, und - dicht nebeneinander beerdigt – unsere geliebte Hündin Krümel und unsere Katze Porky, die beide innerhalb weniger Tage unter merkwürdigen Umständen gestorben waren (mehr dazu unter „2001“).

Bis heute, inzwischen über 20 Jahre später, denke ich ohne jegliches Bedauern daran zurück, das Haus damals verlassen zu haben, denn es hatte (auch wegen eines totalen Umbaus) seine Bedeutung für mich vollkommen verloren. Die Situation (ganzheitlich betrachtet) war geradezu paradox und unwirklich – zudem war meine Tochter gestorben, mein Vater, fast mein ganzer Freundeskreis – und sogar meine Tiere…

Ich ging, mit einer Unmenge neuer Erkenntnisse und Lebenserfahrungen geradezu überschüttet, und war noch Jahre damit beschäftigt, das Geschehene einigermaßen zu verstehen und zu verarbeiten.

Die schönen Erinnerungen, die mit dem Haus verbunden sind, leben unzerstörbar weiter; in meinem und in den Herzen meiner beiden Töchter, nicht in den Mauern des Hauses, das durch höchst zerstörerische Einflüsse gewissermaßen „entweiht“ wurde. Die merkwürdigen, unglaublichen Ereignisse (eher „übersinnlicher“ Art) nahmen jedoch danach erst so richtig „Fahrt“ auf. Ein neuer Lebensabschnitt begann.

 

 

Nichts ist ohne Sinn im Leben, das erkannte ich immer deutlicher.

Das Leben erfordert es, immer wieder loszulassen und niemals zu versuchen etwas mit Gewalt festhalten zu wollen. Wir wachsen an unseren Erfahrungen, und sieht man nicht mit Bedauern auf etwas zurück, sondern mit „innerem Abstand“, können wir erkennen, dass die Wichtigkeit immer darin liegt, zu lernen…

Auf diese Weise wird es auch viel einfacher, gelassen auf das zu blicken, was auf uns zukommt – was immer das auch sein mag.

 

Besuch der Salamander

 

Der Tag war sonnig und warm, als ich den ersten Salamander direkt vor meiner Haustür entdeckte. Es hatte den Anschein, als versuchte er gerade, auf die unterste Stufe der Eingangstreppe zu gelangen – was ich recht lustig fand. Ich überlegte, woher er wohl gekommen sein könnte, und wer in der Nähe evtl. einen Teich hat. Niemand fiel mir ein. Deshalb baute ich dem Salamander in einer geschützten Ecke, unter einem Busch, in einem flachen Behälter einen kleinen „Teich“ und nahm mir vor, ihn am Abend zum nicht weit entfernten Bach (unterhalb des Berges, an dem ich wohnte) zu bringen, um ihn dort laufen zu lassen.

Ich sah mehrmals nach ihm, und er verharrte „am Teich“, doch am Abend war er dann weg.

Am nächsten oder übernächsten Tag (am 10. September 2006) wiederholte es sich. Wieder schien ein Salamander – eindeutig ein anderer, ganz anders gezeichnet – zu versuchen, die Eingangstreppe zur Haustür hochzuklettern.

Diesen fotografierte ich erstaunt und fragte mich noch intensiver, woher er gekommen sein könnte und was es mit diesen „Begegnungen“ auf sich haben könnte. Ich dachte auch daran zurück, wie wir - meine Kinder und ich - Jahre zuvor (etwa 25 Jahre vorher) zusammen Salamander (oder Molche) gefangen und in unserem Teich ausgesetzt hatten.

 

Bild links:

 

"Besuch" am 10.09.2006

 

 

Ich wohnte inzwischen zwar ein paar Straßenecken, Luftlinie aber höchstens 250 Meter (geschätzt) davon entfernt. Allerdings gab es etliche Grundstücksbegrenzungen, Mauern und andere Gartenabgrenzungen dazwischen.

Ich hielt es für abwegig, dass die Salamander aus „unserem“ bzw. ihrem schönen Teich gekommen sein könnten. Auch deshalb, weil sie ja wohl kaum wissen würden,

wo ich wohne... Und überhaupt: Unsinn, solche Gedanken - sowas gibt es doch gar nicht…   Oder etwa doch?

Wie und nach was orientieren sich Salamander, die, wie ich nun weiß, um die 20 Jahre alt werden können?

Denken Sie nach - oder folgen sie einer "inneren Anziehung"?

Einer unsichtbaren "Spur", die durch einen Kontakt entstand, den es viele Jahre zuvor - vielleicht Generationen zuvor - einmal gab und der nie wieder zerriß - weil alles, was einmal Kontakt hatte, für immer verbunden bleibt?

 

Die Information, die ich Wochen (vielleicht auch ein paar Monate) später erhielt, war die, dass der Garten (unser einst so schöner Garten) komplett zerstört wurde und ungefähr zu der Zeit der "Besuche der Salamander“ auch der Teich „vernichtet“ bzw. ganz entfernt worden war.

Es gab kein Wasser mehr - und auch die Salamander hatten somit „ihr Zuhause“ verloren…

Sie mussten fliehen und/oder sterben...

Vielleicht sogar noch die der „ersten Generation“, die ich - leichtfertig und nicht weit genug vorausschauend - eingefangen hatte.

Doch wie auch immer: Die Schuld trage ich…